Sven Helander hat Dinkelsbühl gerettet.
Sven Helander sollte Ehrenbürger werden.
Die Stadt sollte ihm ein Bild schenken.
Sven Helander war der Einzige, der jemals ein offizielles Konsulat des Landes Schweden in Dinkelsbühl geleitet hat.
Es gibt in Dinkelsbühl einen Sven-Helander-Preis.
Seine Enkelinen besuchte Dinkelsbühl 2025 am zweiten Kinderzechsonntag.
Es gibt in Dinkelsbühl einen Sven-Helander-Weg.
All das trifft zu, aber vielleicht ist es sinnvoller, der Reihe nach zu erzählen.
Zur Person
Sven Helander ist am 10. August 1889 in Göteborg geboren. Wie viele Skandinavier war das deutsche Bildungssystem für ihn verlockend, mit 22 legte er in Berlin das Handelsschulexamen ab und promovierte bereits 5 Jahre später, mitten im Ersten Weltkrieg, in Freiburg. Er war Dozent für Nationalökonomie und Soziologie in Göteborg, dann 1924 Professor in Kiel, schließlich ab 1928 in Nürnberg. An der dortigen Handelshochschule wurde er 1932/33 Rektor und unterschrieb, auch das darf nicht verschwiegen werden, im November 1933 ein Bekenntnis deutscher Professoren zu Adolf Hitler.
Wie kam er nach Dinkelsbühl und wohin
Helander lebte bis zum Jahreswechsel 1944 auf 1945 in Nürnberg. Nachdem die Situation durch die Bombenangriffe immer bedrohlicher wurde, ging er ins beschauliche, vor allem aber sichere Dinkelsbühl, das er von Ausflügen aus seiner Nürnberger Zeit kannte und schätzte. In einem Bericht zur Kinderzeche 1932 wird er als Besucher namentlich erwähnt, mindestens ein Besuch in Dinkelsbühl ist also belegt.
Untergebracht wurde er in der damals sogenannten „Unteren Apotheke“, der späteren Adler Apotheke, heute Modegeschäft, neben der Buchhandlung zum Grünen Baum.
Sven Helander war in Nürnberg nicht nur als Rektor der Handelshochschule tätig gewesen, er war auch Konsul des Königreichs Schweden, dies war er naturgemäß auch in Dinkelsbühl weiter. Das Konsulat befand sich irgendwo in der Umgebung des Münsters, bei Arnold wird das heutige Münster-Café genannt, andere vermuten eher in der Volksbank den Standort.
Helander entwickelte in kurzer Zeit ein gutes Verhältnis zum damaligen Bürgermeister Landenberger, zum Vorstand der Volksbank Kränzlein und vor allem zum Apotheker Goderbauer, dem Vater von Hans Goderbauer, der als 9 / 10 jähriger Helander erlebte und sich noch deutlich an Detail erinnert.
Um die Situation im Frühjahr 1945 in Dinkelsbühl zu verstehen, müssen wir jetzt kurz ein wenig über die Stadtmauern hinaussehen
Die Amerikaner waren in Westdeutschland über den Rhein gekommen, ihr vordringliches Ziel war jetzt die sogenannte „Alpenfestung“, von der sie ungenau Vorstellungen hatten, in jedem Fall eine größere Bedrohung vermuteten, als der Berghof und die Umgebung in Berchtesgaden im Endeffekt darstellten.
Es war für die US Armee klar, dass der Weg dorthin schnell bezwungen werden sollte. Mitten in diesem Weg liegt Dinkelsbühl.
Die große Frage war also: Würde Dinkelsbühl in Kampfhandlungen verwickelt werden oder gäbe es eine Möglichkeit, dies zu verhindern. Grundsätzlich hatte die nationalsozialistische Regierung die Order ausgegeben, dass jeder Ort verteidigt werden müsse.
Wohin das führen könnte, zeigt ein Beispiel hier aus der Umgebung. Crailsheim wurde mehrfach umkämpft. Ein Vortrupp der Amerikaner nahm die Stadt ein, deutsche Truppen und SS-Verbände eroberten sie zurück.
Die alliierten Streitkräfte hatten am 20. April 1945 nach zwei Wochen erbitterter Kämpfe Crailsheim zurückerobert. Die letzte Bombardierung allerdings forderte das Leben von 262 Zivilisten, darunter auch 51 Kinder. Hinzu kamen viele weitere 17- und 18-jährige Rekruten, die in den letzten Stunden dieses Kampfes ihr Leben verloren. Fast 90 Prozent der Bebauung Crailsheims lag in Trümmern.
Nicht nur Crailsheim ist kaputtgeschossen und niedergebrannt, auch viele Dörfer wurden zerstört. Brettheim beispielsweise, wo nach den Morden an drei Bürgern niemand mehr die Weiße Flagge zu zeigen wagte. US-Bomben und deutsche Granaten haben am 17. und 18. April 75 Prozent aller Häuser und Höfe zerstört, 19 Menschen sind an den zwei Tagen gestorben.
Die Ereignisse in Dinkelsbühl
Über die folgenden Tage und Ereignisse, also etwa vom 18. April bis zum 20. April, gibt es zum Teil widersprüchliche Aussagen. Es gab darüber, wer wann was getan hat zwischen dem damaligen Bürgermeister und einem Lehrer des Dinkelsbühler Gymnasiums, der sich in der Rolle des Retters sah, sogar juristische Auseinandersetzungen, im Stadtrat in den späten 50er Jahren sogar einen eigenen „Retter-Ausschuss“, der sich mit der Frage, wer, Helander oder der Lehrer Dr. Schmidt, hat überhaupt Anteil, mehr Anteil, weniger Anteil an der Rettung der Stadt. Dieser Streit schaffte es sogar in das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, der einen 12seitigen Text dazu veröffentlichte.
Ich habe zu dem Streit auch eine Meinung, aber eine Wahrheit gibt es dazu, vermute ich nicht. Für mich sind zwei Vorgänge wichtig. Einmal waren Helander und Schmidt gemeinsam mit dem Bürgermeister beteiligt, einmal Helander allein. Die Frage, wer entscheidenden Anteil an der Rettung der Stadt hat ist für mich klar, Sven Helander.
Die drängendste Frage war, die regionale Führung der Wehrmacht dazu zu bringen, Dinkelsbühl nicht zu verteidigen, keine Truppen in die Stadt zu verlegen.
Die Führung der regionalen Militärgruppen war in Wallerstein untergebracht. Am 7.4.1945 reisten Bürgermeister Landenberger, Schmidt als Vertreter des Militärs und Helander als nicht gewählter Vertreter der Bürger dorthin und erreichten, dass die deutschen Truppen sich NICHT in Dinkelsbühl einquartierten, die Stadt also keine direkte Kampfzone wurde.
Das war ein wichtiger Erfolg, reichte aber noch nicht hin, damit die Stadt so unzerstört erhalten blieb, dass der Friede, wie unser Thema lautet, machbar wurde.
Einige Tage gingen ins Land, erfüllt ganz sicher mit Ängsten und Befürchtungen, was die Ankunft der „feindlichen“ Truppen bedeuten würde.
Am Nachmittag des 20.4.1945 wurden US-Truppen gesichtet, die von Lehengütigen her nach Dinkelsbühl kamen und sich vor den Bahngleisen, irgendwo zwischen Froschmühle und späterer Tankstelle lagerten.
Da in der Stadt keine Truppen mehr waren, kam es erstmal zu keinen Kampfhandlungen.
An der Larrieder Straße, ich denke etwa dort, wo heute der Wohnmobilstellplatz ist, sammelte sich eine Gruppe von Hitlerjungen, die sich ein Maschinengewehr besorgt hatten. Sie schossen von dort über die Wörnitz in das US-Lager und verletzten 7 Soldaten.
Schmidt sprach daraufhin mit einem Ansprechpartner der lagernden US-Soldaten, damit diese als Reaktion auf diesen Beschuss nicht die Stadt stürmten.
Landenberger, der Bürgermeister, wohnte im Fagott, dem späteren Dinkelbauer. Er saß zu diesem Zeitpunkt zusammen mit Helander und anderen im Bunker unter der Gans, Paul Beitzer zeigt diese Keller ja immer wieder mal bei besonderen Anlässen.
Eher zufällig ergab sich somit der erste Kontakt zwischen Helander und einem Repräsentanten der US-Armee, da Bürgermeister Landenberger versuchte, aus der Gans seine Frau im Fagott/Dinkelbauer anzurufen, was ihm aber nicht mehr gelang, da die Amerikaner bereits im Gasthof waren. Als am Telefon eine Stimme auf Englisch antwortete gab Landenberger den Telefonhörer an Helander weiter, der die Sprache beherrschte.
Helander und der US-Soldat vereinbarten ein Treffen auf der Wörnitz Brücke.
Die Brücke war zum Glück nicht, wie eigentlich angeordnet, durch eine Sprengung vollständig zerstört worden. Durch die Wahl geringerer Ladung knickte sie nur ein, war aber noch passierbar. Das aber ist eine andere, auch eine spannende Geschichte.
In der Stadt wird daraufhin in der Gruppe unter der Gans debattiert. Das Risiko, dass noch irgendwelche SA oder SS-Truppen irgendwo sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Jeder der Anwesenden kennt die Berichte von standrechtlichen Hinrichtungen der Bürger, die weiße Fahnen zeigten, als Deserteure. Nicht nur das unmittelbare Kriegsgeschehen machte den Menschen im April 1945 zu schaffen, sondern auch der Endzeit-Terror der SS. Über die Schicksale der erhängten Männer von Brettheim und der sechs Erschießungsopfer von Kirchberg ist immer noch, meiner Ansicht nach zumindest, viel zu wenig bekannt. Den Menschen, die die Endtage des Krieges erlebten, war dies aber natürlich bekannt.
So zum Beispiel aus Ansbach. Robert Limpert, ein Ansbacher Bürger, wurde wenige Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner am Ansbacher Rathaus erhängt. Er hatte öffentlich und demonstrativ eine Telefonleitung vom (ehemaligen) Gefechtsstand zu einer Wehrmachtseinheit durchschnitten, um seine Heimatstadt vor sinnlosen Kämpfen zu bewahren.
Die Stadt Ansbach rang sich erst Jahrzehnte später zu einem würdigen Gedenken durch.
An seinem Geburtshaus in der Kronenstraße 6 in Ansbach wurde 1970 eine private Gedenktafel angebracht. Eine weitere Tafel befindet sich seit 1985 in einer Kapelle der Pfarrkirche St. Ludwig. Die Stadt Ansbach konnte sich aus verschiedenen Gründen bis in die 1980er Jahre nicht dazu entschließen, Robert Limperts Einsatz entsprechend zu gedenken.
Am 11. April 1989 entschloss sich der Ansbacher Stadtrat nach langer Debatte mit nur einer Stimme Mehrheit zur öffentlichen Ehrung von Robert Limpert. Vorausgegangen war ein starkes Engagement einer Schülergruppe der Luitpoldschule in Ansbach.
Die Ansbacher Regionalgruppe der Bürgerbewegung für Menschenwürde in Mittelfranken verleiht seit 2002 den „Robert-Limpert-Preis für Zivilcourage.
Der „Staatlichen Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung“ wurde am 7. Mai 2015 der Name „Robert-Limpert-Berufsschule“ verliehen.
Im gleichnamigen Song Robert Limpert von 2015 erinnern Heinz Rudolf Kunze mit seiner Band Räuberzivil an das NS-Verbrechen und sein Opfer.
Die Angst, eine weiße Fahne zu hissen und daraufhin von SS Trupps oder Hitlerjungen ermordet zu werden, war nicht unbegründet.
Auf der anderen Seite war aber in dem Gespräch auf der Wörnitz Brücke deutlich geworden, dass ohne die weißen Fahnen eine militärische Eroberung durch die Amerikaner drohte, auch die mit Gefahren für Leib und Leben verbunden.
Nachdem die Gespräche im Bunker unter der Gans zu keinem Ergebnis kamen, versuchte Helander den Kontakt über das Telefon im Fagott wieder herzustellen. Dies gelang auch, und so wurde ein zweites Treffen in derselben Nacht auf der Wörnitz Brücke vereinbart.
Die Amerikaner waren zu keinem Kompromiss bereit, auch auf ihrer Seite bestand natürlich die Befürchtung, von versteckten Trupps angegriffen zu werden. Wie die Deutschen wussten sie, dass das Hissen Weißer Fahnen nicht erfolgen würde, wenn noch Soldaten in der Stadt wären, die Einnahme also nur so einigermaßen sicher war.
Aus Gesprächen mit Hans Goderbauer, der diese Nacht als 10-Jähriger erlebte, als Sohn des Haushalts, in dem die Familie Helander ihre Unterkunft genommen hatte, war er natürlich mit den Erwachsenen wach, Helander pendelte mehrfach zwischen dem Bunker und der Wohnung Goderbauer in der früheren Apotheke zum Adler.
Während die Amerikaner erste kleinere Einheiten in die Stadt brachten (kleinere gepanzerte Fahrzeuge über das Nördlinger Tor und zum Altrathausplatz) wurde an beiden Orten heftig diskutiert.
Angeblich, vielleicht eine Anekdote, aber eine sich gut in den Verlauf einfügende, führte ein Satz des Apothekers Goderbauer zur Lösung. „Sagt einfach, es sei ein Befehl der amerikanischen Truppen, die weißen Fahnen müssen gehisst werden. Über einen Befehl wird dann nicht lange diskutiert.“ Wie gesagt, vielleicht nur eine Anekdote, aber als es hell wurde, waren überall weiße Tücher aus den Fenstern zu sehen, die Übergabe der Stadt konnte ohne Verletzte vonstattengehen. Hans Goderbauer erinnert sich, dass sein Vater eine Flasche Wein aus dem Keller holte und zur Feier des Kriegsendes, denn dies war es für Dinkelsbühl, seinem Sohn zur Erinnerung an diese Nacht ein Glas Wein genehmigte.
Die Amerikaner fühlten sich in DKB schnell heimisch, bis heute bleiben Fotos mit Grüßen in die Heimat ein Hobby.
Was bleibt als Fazit, falls man aus der Geschichte lernen kann, was manche ja behaupten.
Was in Dinkelsbühl erreicht wurde, was verhindert hat, dass Dinkelsbühl ähnlich wie Crailsheim aussah, das waren Gespräche auf der Wörnitz Brücke. Ich glaube, egal worum es geht, es kann immer nur im Dialog gehen. Und das gilt, so schwer es mir selbst fällt, vielleicht auch im Umgang mit Menschen extrem anderer Meinung in unserem Land. Ich weiß nicht, ob das klappt, ich weiß aber auch keine andere Lösung.